Vortrag und Diskussion über den Aufstieg der extremen Rechten in Israel und notwendige Schlussfolgerungen daraus für Deeskalation, Waffenstillstand und Frieden in Nahost

Internationale Solidarität für Deeskalation, Völkerverständigung und Frieden erfordert die Überwindung des Denkens in nationalistischen und völkischen Kategorien. Dies gilt auch für Israel-Palästina. Dringend sind die Forderungen der Vereinten Nationen für Waffenstillstand und einen gerechten Frieden und dafür das Völkerrecht zur Geltung zu bringen. Das ist ein Gebot zur politisch-kulturellen Zusammenarbeit aller progressiven Kräfte vor Ort und weltweit.

Hingegen: Oberflächliche Konstruktionen von „Israel“ als homogene nationale Entität verschleiern in der öffentlichen Debatte, dass es sich dort – wie überall – um gegensätzliche Interessen im globalen Kapitalismus handelt: zwischen oben und unten, rechts und links, Krieg und Frieden.

Das Buch „Der Siegeszug des Neozionismus“ von Tamar Amar-Dahl ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Aufstiegs rechtsradikaler Kräfte in Israel. Reflektiert wird die Entwicklung des Zionismus als widersprüchliche, staatstragende Ideologie und Bewegung und wie eine langanhaltende soziale und Staatskrise durch Militarisierung ein demokratischer gesellschaftlicher Konsens durch vielschichtige Gewalt verdrängt wird, um ein ungerechtes Regime nach innen und außen aufrechtzuerhalten. Immer tiefer durchdringen militärische Werte und soldatische Verhaltensweisen zivile Handlungen und Entscheidungsprozesse.

Im Focus des Vortrags stehen die Fragen: Wie entsteht in Israel der Konsens für den Krieg? Welche Rolle spielt dabei die 56jährige Besatzung der palästinensischen Gebiete? Wie verhält sich die Okkupation zum Zivilmilitarismus, also zum gesellschaftlichen Konsens für Israels Kriegspolitik? Welche Rolle spielt dabei der Umstrittene Premier Benjamin Netanjahu? Ist der aktuelle Krieg der Sieg der Rechtsradikalen, die Implosion eines politischen Systems oder die Katalyse, an deren Ende eine neue Form des Zusammenlebens in Israel-Palästina stehen muss?

Dafür ist der 7.10.2023 als Zäsur zu begreifen: Der Angriff der islamistischen Hamas auf israelische Siedlungen und Städte nahe dem Gaza-Streifen entfachte einen neuen Gaza-Krieg. Israels offizielles Kriegsziel, die militärischen Kapazitäten der Hamas zu „vernichten“, um wohl deren Regime in Gaza zu stürzen, wurde in Israel weitgehend hingenommen. Angesichts des Ausmaßes der Attacke wird der gerade geführte Krieg gegen die Hamas als ein „klassischer Verteidigungskrieg“ wahrgenommen. Dabei bleiben jegliche Zweifel über die Machbarkeit solcher Zielsetzung außen vor, auch die Frage des verheerenden Preises an Menschenleben und Zerstörung eines solchen „Vernichtungskriegs“; die Kontext-Frage findet dabei erst recht kaum Platz in dem herrschenden Diskurs.

Die Veranstaltung soll zur Analyse der aktuellen Situation in Israel-Palästina und der Diskussion einer menschenwürdigen Alternative beitragen, die aus dem Widerspruch zwischen progressiver Verständigung und kriegerische Mobilmachung notwendig heranwächst. Es liegt auch in unserer Hand, Antworten auf die Herausforderungen zu finden.

Unser Gast ist die deutsch-israelische Historikerin und Autorin Dr. Tamar Amar-Dahl. Sie ist eine in Berlin ansässige, unabhängige, israelisch-deutsche Historikerin; befasst sich mit Israels Geschichte, Politik und politischer Kultur. Studium der Philosophie und Geschichte in Tel Aviv, Hamburg und München. An der Ludwig-Maximilian-Universität München hat sie mit einer intellektuellen Biografie über den israelischen Politiker Shimon Peres promoviert. 2012 erschien ihr Buch: „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostenkonfliktes“. Unterrichtet hat sie an der Freien Universität und an der Humboldt Universität Berlin. Die Einführung macht Prof. em. Norman Paech (Uni Hamburg) lehrte in Hamburg Politische Wissenschaft und für Öffentliches Recht, ist Völkerrechtler und Menschenrechtsaktivist. Publikationen und Anregungen von ihm findet man unter: https://www.norman-paech.de/