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Stellungnahme des Referats für internationale Studierende zur Kontroverse um die Umbenennung der universitätsnahen Straße

Das Referat für internationale Studierende (RiS) im AStA unterstützt die Initiative zur Umbenennung. Es gibt in Deutschland ca. 100 Straßen, die nach der kleinen französischen Stadt „Sedan“ benannt sind. Dies hat nur einen Grund: Von der Reichsgründung 1871 bis zu Kriegsende und Revolution1918 war die Erinnerung an die „Schlacht von Sedan“ im Deutschen Reich eine Propaganda-Maßnahme für Militarismus und Kolonialismus. Setzen wir ein Zeichen für Frieden und Völkerverständigung!

1870 kapitulierte Frankreich in Sedan vor den deutschen Truppen. Es folgte die Gründung des Deutschen Reichs im Januar 1871 mit der Krönung des deutschen Kaisers im Schloss von Versailles nahe Paris – ein gezielter Akt der Demütigung. Der „Sedan-Kult“ dynamisierte die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich bis in zwei Weltkriege. Diese Feindschaft ist erst seit der Befreiung von Faschismus und Krieg 1945 und den darauffolgenden Bemühungen um Verständigung, Versöhnung und Freundschaft überwunden. Der Militarismus des Deutschen Kaiserreichs begann mit der Demütigung Frankreichs.

Das Deutsche Reich gierte aber nach mehr: einem „Platz an der Sonne“. Es griff – gegen den Widerstand der Arbeiter- und Friedensbewegung – nach China, Afrika, in den Pazifik und nach der Weltmacht. Es baute auf Gewalt nach Innen und Außen.

Die Sedanstraße erhielt ihren Namen 1899 – in der Hochphase des deutschen Imperialismus. Geehrt wurde damit auch das in der Bundesstraße stationiert Regiment, das im preußisch-französischen Krieg1870/71 eingesetzt war.

Im Zuge der Novemberrevolution 1918 zogen Arbeiter und Soldaten vor die Kasernen, um inhaftierte Soldaten zu befreien. Der Demonstrationszug wurde aus den Kasernen heraus beschossen – es gab zehn Tote.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Polizeieinheiten in den Kasernen stationiert, darunter das Reserve-Polizeibataillon 101, das am Völkermord an Juden in Polen und Belarus beteiligt war. Zudem wurden Kriegsgerichte an der Bundesstraße abgehalten und (Todes-)Urteile gefällt.

Ein Zeichen der Völkerfreundschaft und für Zivilcourage setzen!
Wir wollen eine „Ludwig-Baumann-Straße“!

Ludwig Baumann war ein Deserteur der Deutschen Wehrmacht. Er hat als junger Mann in Frankreich die Truppe verlassen, weil er erkannte, dass es sich um einen verbrecherischen Krieg handelte. Er wurde gefasst, eingesperrt, gefoltert, zum Tode verurteil und unter Zwang an der Ostfront eingesetzt. Er überlebte! In der frühen Bundesrepublik, die die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verschwieg, war er ein gebeugter Mann. Als mit der Studierenden- und Friedensbewegung das Klima in Westdeutschland humaner wurde, wurde er zum konsequenten Friedensaktivisten.

Solidarität macht Mut! Er hat durchgesetzt, dass über 50 Jahre nach Kriegsende die Deserteure der Wehrmacht rehabilitiert und entschädigt wurden und nicht mehr als „Verräter“ stigmatisiert. Er ist in der Nachbarschaft der Sedanstraße zur Welt gekommen. Er hat sich in Frankreich für die Humanität und gegen das Töten auf Befehl entschieden. Er hat sein Engagement der Völker- und Menschenfreundschaft gewidmet. Welche Straße sollte besser geeignet sein als diese, um nach ihm benannt zu werden?

Jetzt für Frieden und Antifaschismus! Wir leben in einer Zeit internationaler Konfrontation und zunehmender Kriege. Auch Deutschland rüstet wieder auf und soll Teil der dauerhaften Koalition des „Wertewestens“ gegen China, Russland und den globalen Süden sein. Für neue Großmachtfantasien machen auch die Rechtsextremen der AfD Druck. Die Umbenennung der Straße nach Ludwig Baumann ist gerade jetzt ein ermutigendes Signal für Zivilcourage und ein Bezugspunkt für uns alle, um für Frieden und Menschenrechte aktiv zu sein. Mit der Umbenennung der Straße soll auch eine Dokumentation ihrer Geschichte („Erinnerungsort“) einhergehen.

Lasst Euch nicht einschüchtern! Gerüchte, dass die Umbenennung der Sedanstraße für ausländische Studierende ein Problem werden könnte, sind falsch. Lasst Euch davon nicht ängstigen! Die Umbenennung von Straßen ist in Hamburg eine geübte Praxis. Es gibt immer Hilfen, auch finanzielle, um erforderliche Änderungen von Dokumenten vorzunehmen. Bis die Straße umbenannt ist, dauert es einige Monate. Post wird weiterhin ohne Schwierigkeiten zugestellt – egal ob mit der alten oder der neuen Anschrift. Der Aufenthaltstitel ist nicht gefährdet. Die Behörden müssen die Änderung nachvollziehen. Wenn Ihr Fragen oder Diskussionsbedarf habt, kommt in unsere Sprechstunde.

Schreibt uns: ris@asta.uni-hamburg.de

Sprechstunden nach Vereinbarung – grundsätlich könnt Ihr uns mittwochs ab 17 Uhr im RiS (Raum 0042 im AStA, Von-Melle-Park 5) antreffen.

https://sedanstrasse-umbenennen.de/: Warum soll die Sedanstraße zur Ludwig-Baumann-Straße werden? Why should Sedanstraße become Ludwig-Baumann-Straße?

Why should Sedanstraße become Ludwig-Baumann-Straße?

The Department for International Students (RiS) in the AStA supports the renaming initiative. There are around 100 streets in Germany named after the small French town of Sedan. There is only one reason for this: from the founding of the Reich in 1871 until the end of the war and the revolution in 1918, the memory of the „Battle of Sedan“ in the German Reich was a propaganda measure in favour of militarism and colonialism. Let us set an example for peace and international understanding!

In 1870, France capitulated to the German troops at Sedan. This was followed by the founding of the German Empire in January 1871 with the coronation of the German Emperor in the Palace of Versailles near Paris – a deliberate act of humiliation. The „Sedan cult“ dynamised the „hereditary enmity“ between Germany and France until two world wars. This enmity has only been overcome since the liberation from fascism and war in 1945 and the subsequent efforts towards understanding, reconciliation and friendship.

The militarism of the German Empire began with the humiliation of France. But the German Empire craved more: a „place in the sun“. Against the resistance of the labour and peace movement, it reached for China, Africa, the Pacific and world power. It was based on internal and external violence.

Sedan Street was given its name in 1899 – at the height of German imperialism. It also honoured the regiment stationed in the Bundesstraße, which was deployed in the Franco-Prussian War of 1870/71. In the course of the November Revolution in 1918, workers and soldiers marched in front of the barracks to free imprisoned soldiers and the demonstration was shot at from the barracks, resulting in ten deaths.

During the National Socialist era, police units were stationed in the barracks, including the Reserve Police Battalion 101, which was involved in the genocide of Jews in Poland and Belarus. Courts martial were also held on the Bundesstraße and (death) sentences were passed.

A sign of international friendship and civil courage! We want a „Ludwig-Baumann-Straße“!

Ludwig Baumann was a deserter from the German army. As a young man in France, he left the troops because he realised that it was a criminal war. He was captured, imprisoned, tortured, threatened with death and deployed to the Eastern Front under duress. He survived! In the early Federal Republic, which concealed the German crimes of the Second World War, he was a crooked man. When the climate in West Germany became more humane with the student and peace movement, he became a consistent peace activist.

Solidarity gives courage! More than 50 years after the end of the war, he succeeded in ensuring that deserters from the German Army in the Second World War were rehabilitated and compensated and no longer stigmatised as „traitors“. He was born in the neighbourhood of the Sedanstraße. He dedicated his commitment to friendship between peoples and humanity. Which street could be better suited than this one to be named after him?

Now for peace and anti-fascism! We live in a time of massive international confrontation and increasing wars. Germany is arming itself again and is supposed to be part of the permanent coalition of the „Western values“ against China, Russia and the global South. The right-wing extremists of the AfD are also exerting pressure for this. The renaming of the street after Ludwig Baumann is an encouraging signal for civil courage and a point of reference for us all to be active for peace and human rights. The renaming of the street should also be accompanied by a documentation of its history („place of remembrance“).

Don’t let yourselves be intimidated! Rumours that the renaming of Sedanstraße could be a problem for foreign students are false! Don’t let this scare you! Renaming streets is a common practice in Hamburg. There is always help, including financial help, to make the necessary changes to documents. It takes a few months before the street is renamed. Mail will continue to be delivered without difficulty – regardless of whether it is sent to the old or new address. The residence permit is not jeopardised and the authorities have to understand the change because it is a political decision.

If you have questions or need to discuss something, come to our office hours. Write to us: ris@asta.uni-hamburg.de